„Digitalisierung ist der neue König Midas“ (Stefan Münker)

Die Tagung .hist2011 zur Geschichte im digitalen Wandel (14./15.09.2011, Berlin)

Am 14. und 15. September 2011 fand an der Humboldt-Universität zu Berlin die inzwischen dritte .hist-Tagung statt. Veranstalter waren der Verein Clio-online – Historisches Fachinformationssystem e.V. , die vom Verein mit betriebene Plattform H-Soz-u-Kult und L.I.S.A. , das Wissenschaftsportal der Gerda Henkel Stiftung.

Der Tagungseinladung folgten ca. 170 Teilnehmer/innen und Referent/innen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz in den Senatssaal der HU Berlin. Podium und Auditorium setzten sich hauptsächlich aus geisteswissenschaftlich arbeitenden Mitarbeiter/innen von universitären und außeruniversitären Forschungseinrichtungen, wissenschaftlichen Bibliotheken und vereinzelt Dienstleistern zusammen.

Die Tagung teilte sich in Sektionen, die als Diskussionsforen zum weiten Thema „Geschichte im digitalen Wandel“ angelegt waren, und in Werkstattberichte, die Einblicke in Problemstellungen und Lösungsansätze aus konkreten Projekten boten. Die meisten Abstracts wurden lobenswerter Weise bereits im Vorfeld veröffentlicht.

Die Werkstattberichte fanden mit dem Thema der Vernetzung von Wissen, Forschern und Geschichtswissenschaft recht großen Zulauf.

Die Frage der Vernetzung von Wissen (Werkstattbericht I), de facto von Daten, wurde meist sehr techniklastig erörtert. Die Referenten stellten verschiedene Lösungsansätze zur Auszeichnung und Strukturierung der Daten vor: So entwickelte die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften für die Strukturierung heterogener Personendaten aus unterschiedlichen Beständen ein eigenes XML-basiertes Datenmodel. Die Auszeichnung der Personendaten erfolgt automatisch oder halbautomatisch mit dem Ziel, eine vielfältige Datenabfrage für breit gefächerte/offene Fragestellungen zu ermöglichen.

Die Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften setzt bei der Digitalisierung und digitalen Präsentation der Allgemeinen Deutschen Bibliographie und der Neuen Deutschen Bibliographie auf eine an TEI angelehnte Auszeichnung mit automatisierter Strukturierung durch ein Mapping zum Register und Dublettenabgleich sowie einem automatisierten Abgleich mit der Personennormdatei.

Für den Professorenkatalog der Universität Leipzig, für das Portal Docupedia-Zeitgeschichte und für das Deutsche Institut für internationale Pädagogische Forschung werden über verschiedene Wiki-Anwendungen (OntoWiki , SemanticMediaWiki und Semantic MediaWiki for Collaborative Corpora Analysis ) Lösungen für die Vernetzung von Daten erarbeitet. Allen drei Projekten liegt eine Datenauszeichnung nach RDF zugrunde. Im Gegensatz zu den Akademien stehen nicht aus Quellen und Retrodigitalisierung gewonnene Texte zur Strukturierung bereit, sondern die jeweiligen Anwendungen sollen gleichzeitig als kollaborative Forschungsumgebung zum Entwurf, Entwickeln und Diskutieren von wissenschaftlichen Texten und damit zur Vernetzung von Wissen dienen.

Der zweite Werkstattbericht behandelte die Entwicklung von und Anforderungen an virtuelle Forschungsumgebungen. Dieses Thema umfasste eine große Bandbreite von Datenformaten und -auszeichnung, über anwendungsbasierte Software zur Strukturierung und Erschließung von Texten bis zur Vernetzung des einzelnen Forschenden. Hierbei ließ die Forderung nach und Vorstellung von einfachen, nutzerorientierten und intuitiven Anwendungen für Geisteswissenschaftler/innen das Publikum aufhorchen. Es kommt demnach keine „virtuelle“ Forschungsumgebung ohne entsprechende konkrete Software-Vorschläge aus. Es gibt also offenbar nicht nur einen Bedarf an Plattformen zur (geschützten) Vernetzung von Personen und Projekten, um Daten, Wissen und Ideen zu entwickeln, sondern auch einen ebenso großen Bedarf an Arbeitswerkzeugen. Vor allem an diesem Punkt setzten die Nachfragen der Zuhörer ein. Die Frage nach Tools zur Analyse, als wesentlichem Teil der wissenschaftlichen Arbeit, konnte mit Blick auf die nur wenig standardisierten Analysemethoden und -verfahren in der Geschichtswissenschaft nur für zukünftige Überlegungen aufbewahrt werden.

Eine derartige Bedarfsanalyse mit gleichzeitiger Evaluierung bisheriger Standards wurde im vierten und letzten Werkstattbericht zu Informationsinfrastrukturen für die Wissenschaft im Rahmen der Vorstellung des Projekts DARIAH-DE , hier vertreten durch das Institut für Europäische Geschichte in Mainz, angestrebt. Im Fokus von DARIAH-DE stehen ausdrücklich Forschende im Bereich Digital Humanities (DH), die zum einen nach den Anforderungen befragt, zum anderen aber auch für die an sie gestellten Anforderungen gezielt ausgebildet werden sollen. Daneben stellte das Fachinformationszentrum Karlsruhe den Entwicklungsstand der Digitalen Bibliothek vor, in dem unter anderem die Strukturierung der Daten nach CIDOC CRM Erwähnung fand. Vorgestellt wurden weiterhin das Projekt TextGrid, wobei die Ausführungen angesichts der Zeit nur knapp ausfallen konnten, und das Projekt Europeana Collection 1914–1918, vertreten durch die Staatsbibliothek zu Berlin. Beide Berichte verließen den Werkstattcharakter, da die Projekte bereits umgesetzt und in den letzten Wochen gelauncht wurden. Für TextGrid bleibt abzuwarten, inwieweit sich Wissenschaftler als Nutzer bereit finden, damit zu arbeiten. Das Projekt Europeana Collection 1914–1918 zielt dagegen auch ausdrücklich auf nicht-wissenschaftliches Publikum als Beiträger zur Vervollständigung der digitalen Sammlung zum Thema Erster Weltkrieg.

Die sehr gute Organisation der Tagung trug zu einer guten Stimmung unter den Teilnehmern bei, was sich in den zum Teil lebhaften Diskussionen im Anschluss an die Vorträge und in den Pausen zeigte. Doch nicht nur Mareike König fiel die ungleiche Zahl zwischen Männern und Frauen auf dem Podium auf, die sich im Publikum durchaus nicht widerspiegelte. Ebenfalls auffällig war die Abwesenheit der Archive und, bis auf eine Ausnahme, der Museen als Teilnehmer vor und auf dem Podium. Arbeiten dort keine historisch forschenden Wissenschaftler/innen oder beobachten sie den digitalen Wandel nur von außen?

Fachtagungen sind für uns als Dienstleister wichtig, um den aktuellen Diskussions- und Arbeitsstand auszutauschen, gegenwärtige Probleme und Fragestellungen und zukünftige Anforderungen abzulesen. Unabhängig davon können alte Kontakte wieder aufgefrischt und neue Kontakte genüpft werden, weswegen die Tagung auch in positiver Erinnerung bleiben wird.

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